Ein gesuchter Schlüssel

… zum Verständnis von Leid aus biblischer Sicht

Vor etwa zehn Jahren befanden mein Mann und ich uns in einer sehr stressigen Situation. Mitten im Bau unseres Eigenheimes mussten wir notgedrungen umziehen und kamen ein weiteres Mal bei meinen Schwiegereltern unter. Dies brachte einen deutlichen Mehraufwand mit sich, und für mich als hochsensible Person, die genug Raum und Einsamkeit für die Verarbeitung des Tages sowie meiner vielen Beschwerden brauchte, ein erhöhtes Maß an seelischem Stress. Durch die Eigenleistung, die wir erbringen wollten, hatten wir als Paar kaum Zeit füreinander, und die vielen schwierigen Entscheidungen und die Erschöpfung machten es uns schwer füreinander eine Stütze zu sein, obwohl es alle beide zu diesem Zeitpunkt umso mehr gebraucht hätten.

Wenig überraschend war ich viel reizbarer geworden, das war selbst mir aufgefallen. Für mich fühlte es sich wie ein Mehrfrontenkrieg an. Verbissen sammelte ich jeden Tag alle meine Kräfte zusammen um den Tag zu überstehen. Es musste weitergehen! Jetzt schwach zu werden war keine Option. Ich verdrängte meine Beschwerden, ging jedoch mehr oder weniger in dieser Zeit physisch und psychisch „auf dem Zahnfleisch“.

Woher sollte ich die Kraft nehmen, diese Zeit seelisch und körperlich zu überstehen? Mein Glaube suchte nach einem Rettungsanker, an dem ich mich festhalten konnte. Doch meist konnte ich ihn nicht greifen und fühlte mich meinen Emotionen und der Situation hilflos ausgeliefert. Das konnte so nicht weitergehen, ich wollte nicht untergehen. Ich musste einsehen, dass mein bisheriges Bibelwissen für die derzeitige Notlage weder ausreichte noch „sturmfest“ war. Ich brauchte ein biblisches, tragfähiges Fundament für den Umgang mit dem Leid und den Herausforderungen in meinem Leben.

Aus diesem Grund durchstöberte ich das Neue Testament nach allen Versen, die ich nur irgendwie mit Leid in Verbindung brachte. Die entsprechenden Verse schrieb ich mir heraus. Jeden Tag nahm ich sie mir zur Hand und las einen Vers nach dem andern… Und wurde nicht schlau daraus. Viele der Verse waren an verfolgte Gläubige gerichtet. Dann galten sie nicht mir, nicht wahr? Außerdem schien sich manches zu widersprechen: Warum galt Krankheit manchmal als Strafe Gottes – und manchmal diente sie zu seiner Verherrlichung? Warum legte Gott dem einen Menschen Leiden auf um ihn zu zerstören und einem andern um ihn weiterzubringen? Wie konnte ich das unterscheiden? Was galt mir? Gab es einen Schlüssel, welcher mir das Verständnis zu diesen Bibelstellen öffnen konnte?
Umso mehr ich mich damit befasste, umso ratloser wurde ich…

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Als ich vor einem Jahr den Ausführungen von Roger Liebi zu den ersten Kapiteln des Buches Hiob lauschte, horchte ich auf. Er sprach von sechs verschiedenen Arten von Leid in der Bibel, die es galt für das richtige Verständnis achtsam auseinander zu halten.

  1. Leiden zur Ehre Gottes (Hi 1; Joh 9,3)
  2. Leiden zur Erziehung (Hebr 12,4-11)
  3. Leiden zur Vorbeugung (2. Kor 12,7)
  4. Leiden als Warnung (Hi 33,19-28)
  5. Leiden als Strafe (1. Kor 11,30-31; Off 6-19)
  6. Leiden Jesu zur Erlösung (1. Pet 2,24)

Das war der Schlüssel, nachdem ich so lange gesucht hatte! Umso länger ich darüber nachdachte, umso klarer wurde mir die ganze Thematik. Hier gab es keine Unterscheidung von Krankheit, Verfolgung oder anderen Leiden. Es ging nicht darum, was ich erleiden musste, sondern warum, oder in anderen Worten, was Gott damit bezwecken wollte. Das mir zugeteilte Leid konnte ich nicht von mir ausgehend verstehen, sondern nur von Gott her.

Es lag ganz allein in Gottes Bemessen, welches Werkzeug er in meinem Leben anwandte, um mir seinen Entschluss angedeihen zu lassen. Er konnte Krankheit als Strafe verhängen oder auch zu seiner Ehre gebrauchen. Dafür könnte er sich aber auch einer Verfolgung bedienen, oder aber eines Verlustes oder eines Unfalls oder Nöte. Jedes vorstellbare Leid konnte Gott in seiner Weisheit gebrauchen um im Leben eines Menschen das eine oder das andere zu wirken.

Vielleicht war es nicht schwarz-weiß und konnte säuberlich zugeordnet werden. Ich erlebte, dass Gott mit Leid auch mehrere Ziele gleichzeitig verfolgen konnte. Oder dass das große Leid in seinen Details verschiedene Facetten aufweisen konnte, wie beispielsweise: Meine Krankheit sollte im Allgemeinen zur Ehre Gottes dienen. Doch an einem Tag hatte ich starke Beschwerden, weil Gott mich zur Dankbarkeit erziehen wollte, an einem anderen Tag musste ich sie aushalten, weil er mich vor einer bestimmten Sünde bewahren und deswegen warnen wollte.

Gott ist es, von dem alles kommt, durch den alles besteht und in dem alles sein Ziel hat. Ihm gebührt die Ehre für immer und ewig. Amen.

» Römer 11,36

Ich habe mir schon viele Gedanken über dieses Tun Gottes gemacht und bin mir bewusst, noch nicht weit in dieses große Geheimnis vorgedrungen zu sein. Gottes Gedanken und Wege sind herrlicherweise viel höher als die des Menschen und übersteigen weit unseren Verstand. Dafür bin ich von Herzen dankbar…! Auch wenn ich Gottes Tun mit mir nicht in der Tiefe verstehen kann, so bin ich ihm unaussprechlich dankbar dafür, dass er uns in seinem Wort soviel Antwort und soviel Trost schenkt, wie wir in jeder denkbaren Not brauchen! Wir dürfen wissen, das er mit jedem Päckchen, dass er jedem persönlich auferlegt ein gutes, weises Ziel verfolgt, und dort auch mit jedem seiner Kinder ankommt.

Danke, himmlischer Vater!

Denn meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der HERR; sondern so hoch der Himmel über der Erde ist, so viel höher sind meine Wege als eure Wege und meine Gedanken als eure Gedanken.
Denn gleichwie der Regen und der Schnee vom Himmel fällt und nicht wieder dahin zurückkehrt, bis er die Erde getränkt und befruchtet und zum Grünen gebracht hat und dem Sämann Samen gegeben hat und Brot dem, der isst – genau so soll auch mein Wort sein, das aus meinem Mund hervorgeht: Es wird nicht leer zu mir zurückkehren, sondern es wird ausrichten, was mir gefällt, und durchführen, wozu ich es gesandt habe!

» Jesaja 55,8-11