Himmelschreiende Hilfslosigkeit
Die Kraft eines Seuzfers
Und die Kinder Israels seufzten über ihre Knechtschaft und schrien. Und ihr Geschrei über ihre Knechtschaft kam vor Gott.
» 2. Mose 2,23
Immer wieder erstaunt und bewegt mich die Tatsache, dass Gott das Seufzen und Schreien der Israeliten hörte und sich ihrer annahm. Sie formten keine gut artikulierten Gebete, sie brachten ihre Not nicht in durchdachter Rhetorik und einer gebotenen Haltung vor Gott. Wahrscheinlich beteten sie gar nicht. Die einen schrien in purer Verzweiflung, die andern seufzten in Resignation. Vielleicht waren ihnen einfach die Worte ausgegangen… Sie waren verloren in ihrer Hilflosigkeit.
Kennst du solche Zeiten der Verzweiflung und Aussichtslosigkeit? Wenn die Last so schwer, die Verzweiflung so groß, das Ringen um die richtigen Worte im Gebet erfolglos bleibt. Zurück bleibt nur ein überwältigendes Gefühl der Hilflosigkeit. Du bist mit allen eigenen Mitteln am Ende angekommen, mit deiner Weisheit, mit deiner Duldungsfähigkeit, mit deiner Vergebungsbereitschaft, mit deiner Kraft. Du bist wie gelähmt, du weißt nicht einmal, wie du deinen Zustand in Worte kleiden könntest. Allein ein Schrei der Verzweiflung in der Einsamkeit oder ein zermürbtes Seufzen während deiner Arbeit zeugen von deinem Schmerz.
Manchmal ist das Leid der Heiligen derart groß, dass alle Tränen bereits vertrocknet sind, und sie durch das Weinen keine Erleichterung erfahren. So verfallen sie, um eine kleine Linderung zu spüren, in Seufzen und Wehklagen. … Manchmal erzählen die Wehklagen und Seufzer eines Heiligen in gewissem Sinne das, was seine Zunge niemals ausdrücken kann.
» Thomas Brooks
Die Israeliten verharrten schon lange in dieser Verzweiflung. Seit Generationen befanden sie sich in der Tyrannei einer Sklaverei, die nur dazu da war, sie vor ihrem Tod möglichst gewinnbringend auszupressen.
Doch ach! Gott überließ die Israeliten nicht ihrem schrecklichen Schicksal. Als die Zeit gekommen war, öffnete er Mose sein Herz: „Ich habe das Elend meines Volkes in Ägypten sehr wohl gesehen, und ich habe ihr Geschrei gehört über die, welche sie antreiben; ja, ich kenne ihre Schmerzen.“ (2. Mose 3,7)
Gott hatte ihr lautes Schreien sowie auch ihr leises Seufzen gehört. Sie erzählten ihm von dem Schmerz, ernster und heftiger als es Worte je ausdrücken könnten. Gott war nicht taub dafür, er wendete sich auch nicht ab. Nein, er wendete sich nicht nur ihnen zu, sondern er wendete auch ihr Gefangenschaft, als die Zeit dafür gekommen war.
Und Gott erhörte ihr Wehklagen, und Gott gedachte an seinen Bund mit Abraham, Isaak und Jakob. Und Gott sah auf die Kinder Israels, und Gott nahm sich ihrer an.
» 2. Mose 2,24-25
Ole Hallesby schreibt:
„Höre mein Freund! Deine Hilflosigkeit ist dein bestes Gebet. Sie ruft aus deinem Herzen besser zu Gottes Herzen als alle deine Worte und formulierten Gebete. Er hört dich vom ersten Augenblick an, da dich die Hilflosigkeit ergriffen hat. Und er macht sich schon bereit, dir zu helfen. Heute wie damals, als er das hilflose und wortlose Gebet des Gichtbrüchigen erhörte.
Als Mutter verstehst du leichter diese Seite des Gebets. Dein kleines, zartes Kind kann nicht eine einzige Bitte an dich in Worte kleiden; und doch bittet es, so gut es kann, indem es schreit. Aber du verstehst die Bitte in seinem Schreien. Ja, das Kleine braucht nicht einmal zu schreien. Du brauchst es nur zu sehen in all seiner hilflosen Abhängigkeit von dir, so erreicht seine Bitte ein Mutterherz, eine Bitte, die eindringlicher ist als der lauteste Schrei.
Er, der Vater ist für alle, die Mutter genannt werden, und alle, die Kinder heißen im Himmel und auf Erden, nimmt in derselben Weise teil an uns. Unsere Hilflosigkeit ist eine einzige Bitte an sein Vaterherz. Und er ist unaufhörlich bereit, diese Bitte zu hören und unseren Drang zu stillen. Tag und Nacht ist er bereit dazu, obgleich wir meist nicht darauf achten, geschweige denn ihm dafür danken.
Als Mutter verstehst du ihn besser als wir anderen. Du versorgst das Kleine Tag und Nacht, obgleich es nicht versteht, was du für es tust, opferst und leidest. Es dankt dir auch nicht und ist unwillig und sogar widerspenstig gegen dich. Aber du lässt dich nicht beirren. Du hörst unablässig die Bitten, die seine Hilfslosigkeit an dein Mutterherz richtet.
Genauso ist Gott.
Nur mit dem Unterschied, dass sein Wirken vollkommen ist, während menschliche Liebe unvollkommen bleibt.“
Kann eine Mutter ihren Säugling vergessen? Bringt sie es übers Herz, das Neugeborene seinem Schicksal zu überlassen? Und selbst wenn sie es vergessen würde – ich vergesse dich niemals!
» Jesaja 49,15 HFA
Wie wahr! Wie oft durfte ich Gottes Trost schon erfahren, wenn ich am Ende meiner Weisheit und Kraft angelangt war:
Wenn mir vor lauter Schmerzen nur ein verzweifelter Schrei über die Lippen kam: „Herr, hilf!“ Und der Herr stand mir bei.
Wenn mich meine Beschwerden zermürbten und kraftlos zusammensinken ließen, dann seufzte ich: „Du weißt es!“ Und der Trost Gottes durch seine spürbare Nähe stärkte mich.
Wenn eine tiefe Verletzung durch einen geliebten Menschen mir das Herz brach, weinte ich: „Du bist Zeuge!“ Dann wusste ich mich getröstet und verstanden.
Wenn mir die Worte fehlten für die Fürbitte eines lieben Menschen, für den sich in dem Moment mein Herz zerriss, seufzte ich: „Du weißt, was das Beste ist!“ Und mein Herz kam vertrauensvoll zur Ruhe.
Wenn mir Anfechtungen die Gedanken verwirrten und ich keine Kraft mehr hatte dagegen anzukämpfen, seufzte ich: „Du kennst mein Herz!“ Und ich wusste, es brauchte keine weiteren Erklärungen.
Wenn ich in totaler Hilflosigkeit mein ganzes Vertrauen auf meinen Herr lege, dann darf ich die ganze Barmherzigkeit meines liebendes Vaters erleben.
„Ich entdeckte eine erstaunliche Wahrheit: Gott wird von Schwachheit angezogen. Er kann denen nicht widerstehen, die demütig und ehrlich zugeben, dass sie ihn verzweifelt nötig haben.“
– Jim Cymbala
Da muss ich an Hagar in der Wüste denken, an die Samariterin am Jakobsbrunnen oder an den Gerasener zwischen den Gräbern. Keiner von ihnen hatte ein „gutes“ Gebet gesprochen und doch hatte der Herr ihre Hilflosigkeit wahrgenommen und sich voll Erbarmen zu ihnen auf den Weg gemacht um sie zu retten.
Wie das Wimmern eines hilflosen Babys sofort das Herz der Mutter erreicht, so erbarmt sich Gott über uns, wenn unsere Hilflosigkeit sein Herz berührt. Auch wenn er uns nicht sogleich von allen unseren Nöten befreit, so tröstet er uns.
Wie einen, den seine Mutter tröstet, so will ich euch trösten!
» Jesaja 66,13
Gehe mit deiner Not zu Gott! Er kennt dein Herz besser als du selbst, er kennt deine Schmerzen und den vollen Umfang deiner Last. Er wartet darauf, dass du wie ein kleines Kind, welches weinend in die Arme seiner Mutter rennt, auch du dich in seine offenen Arme wirfst um dich von ihm trösten zu lassen.
Ole Hallesby, Vom Beten – Eine kleine Schule des Gebets, S. 12-13, SCM Hänssler Verlag